die liebe kehrt zurück teil II – zug der liebe 2015

im zweiten teil des „die liebe kehrt zurück“-blogartikel komme ich von der erinnerung an meine erste loveparade (teil I – die liebe kehrt zurück – meine loveparade 1997) zur technoparade „zug der liebe“ des vergangenen wochenendes.
da ich durch den besuch der loveparade 1997 meine erweckungserlebnis in sachen elektronischer musik hatte und seither gern an vielen verschiedenen paraden teilgenommen habe. so war es geradezu meine pflicht mir vor ort und mittenheraus eine meinung zu machen.

auf nach berlin!2015-07-25 15.44.14

am 25.07.2015 ging nun der langerwartete „zug der liebe“ durch die straßen berlins. ähnlich wie in der presse habe auch ich der einfachheit immer von einer „neuen loveparade“ gesprochen. in diesem begriff steckt alles drin, viele leute, musik, sommer, friedliches zusammensein, berlin, sommer etc.

viele verschieden interpretationen und meinungen habe ich vor und nach der veranstaltung in der presse verfolgt. in den vergangenen wochen wurde mehrheitlich die assoziation zur „loveparade“ und die verbindung zur duisburger katastrophe gezogen
mittlerweile hat sich dies ins gegenteil verkehrt, artikel auf artikel folgt nun voll des lobes und der differenzierung. vielleicht weil es so gut geklappt hat und die besucherzahlen mit ca. 25.000 besser als die erwarteten 10.000 waren oder weil einfach das konzept der veranstalter überzeugt hat.

nach besuchen auf den loveparaden 1997-2000 sowie 2006 , dem g(eneration)-move in hamburg 1999 sowie der cityparade in belgien im jahr 2001, bin ich seit 2010 regelmäßiger besucher der global space odysse, einer ebenfalls politischen und unkommerziellen technoparade in meiner neuen heimat leipzig.

so war es für mich klar frühzeitig das wochenende freizuhalten. noch mehr freute ich mich, als sich nicht nur ein freund aus alten tagen anschloss, sondern auch freunde aus frankreich für dass wochenende anreisten um mich zu begleiten. ebenfalls ergab es sich dass eine alte reisegefährtin aus korea im juli in berlin weilt und sich ebenfalls von meinen schilderungen begeistern ließ.

diese mischung verschiedenen rezeptionen war unbezahlbar. für yoon aus korea war es komplett neu, nicht nur diese art der veranstaltung als auch der politische ansatz und die musik. damian und camille brachten die erfahrung von der technoparade in paris mit und enrico und ich konnten die vergleiche zu den paraden aus den 90ziger ziehen.

die parade war in teilen so wie ich es mir damals immer gewünscht hätte: überschaubarer, konzentrierter, unkommerzieller und irgendwie auch mit der besserer musik.

anstatt gleich zu beginn jemanden zu verlieren gelang es uns tatsächlich dort leute zu treffen und dem abschluß der auftaktveranstaltung beizuwohnen. bis dahin hatte es keine musik gegeben. nach einer kurzen pause setzte das wummern ein und jeder der etwas mit dem satz „glück ist wenn der bass einsetzt!“ anfangen kann – wird nachvollziehen können wie sich gänsehaut über meinen gesamten körper ausbreitete.

was sich als etwas gewöhnungsbedürftig herausstelle, mir schon von den paraden in leipzig bekannt war: pause machen hieß automatisch den anschluss verlieren. der zug bewegte sich meistens ohne pause im schrittempo über die fast 10km lange strecke, pinkelpause oder getränkenachschub bedeutete sich erst wieder einen oder mehrere wägen später einreihen zu können. an der parade vorbeilaufen um wieder zu einem der vorderen wägen aufzuschließen wäre mit rennen verbunden gewesen, ebenso muss bei diesem tempo der tanzstil angepasst werden
ich hätte mir gewünscht wenn die viel buntere und ausgeflipptere kleidung der hedonistischen neunziger wieder etwas mehr aufgeblüht wäre, aber da ich nicht selbst mit gutem beispiel vorangeschritten bin, habe ich auch kein recht es zu bemängeln.

1997 und 1998 war ich auf der loveparade gar nicht erst zu siegesäule gelangt so voll war es gewesen. durch die bewegung und die überschaubare größe war es diesemal sehr schön möglich wirklich die komplette parade zu erleben und auch mal einem anderen wagen zu folgen. wirklich mitgelaufen zu sein kann ich mich nur an wenige mal erinnern, meistens steckte ich zwischen den maßen fest oder irrte hin- und her weil wieder jemand (oder ich selbst) flüssigkeiten lassen oder nachfüllen wollte.
trillerpfeifen habe ich keine gehört was aber vielleicht nicht nur mich gefreut hat.

2015-07-25 17.56.51

politischen inhalte, die mittels der wägen verbreitet wurden, griffen die derzeitig angesagten themen auf: nopegida, refugees are welcome, stadtentwicklung (grünflächen), gegen frendenfeindlichkeit (die techno-türken gegen diskrimminierung), ein wagen für straßensozialarbeit habe ich gesehen und gegen homophopie.
auch cluborientierte wagen war dabei u.a. der von birgit&bier welcher auch die offizielle afterparty ausrichtete.
(für eine genaue auflistung und erklärung der wagenmacher empfehlich ich die seite des veranstalters)

von den veranstaltern war aufgerufen worden sich mit winkelementen und schilder zu beteiligen, ein zu meinem großen bedauern wieder etwas abflachender trend in der elektronischen szene. auch der veranstalter zeigte sich enttäuscht über die geringe anzahl der transparente mit politischen inhalten.

es gab unter anderem:
„wer frei vögeln kann, kann auch frei denken“
„make love not ttip“
„liebe kann die welt heilen
„lieber eine faust im arsch als im gesicht“ (teil des wagens gegen homophobie)
„ick liebe dir“
„baut dildos anstatt raketen“
auch der klassiker: „the only god is a soundsystem“ war vertreten.

res severa verum gaudium

res severa verum gaudium

ich selbst beteiligte mich mit dem schild:
„wahre freude ist eine ernste sache“ eine anspielung auf die ambivalenz zwischen politischer mission und gleichzeitigem spaß haben zu dürfen.
mit stolz kann ich behaupten, dass es sehr gut ankam. ich konnte richtig in den gesichtern die abfolge – wahrnehmen, bewußt lesen und nachdenken in den gesichtern erkennen – manchmal auch das abschalten vor dem letzten schritt.
sehr oft wurde der oder dienjenige in unserer gruppe, der dass schild trug angesprochen, lob bekundet oder und um englische übersetzung gebeten.
wo möglich erklärte ich noch die herkunft des spruches: eine dt. übersetzung eines satzes „res severa verum gaudium“, und dem motto des leipziger philharmonischen orchesters und inschrift der orgel in dessen konzertsaal dem gewandhaus zu leipzig.

dass wetter blieb, entgegen der vorhersagen trocken und der wind kühlte die heißen köpfe.
nach etwas an die fünf stunden paradierendes tanzen zu house, techno, psytrance und andere elektronischer musik hatte sich alles eingestellt was zu erhoffen gewesen war – eine unglaublich schöne parade mit freundlichen menschen mit denen ich mich austauschte und verbunden fühlte:

wie gefällt es dir? – warst du früher auf der loveparade? – was denkst du wieviele heute da sind? – ist das nicht eine andere route? – meinst du es findet nocheinmal statt? – wo ist die beste afterhour? – tun dir deine füße auch weh?

in einem radiointerview fragte mich, während des zuges, ein journalist der agentur dpa, wie sich jetzt die liebe durch die parade verändern würde, worauf ich antwortete, dass gerade dieses friedliche miteinander unter den paradeteilnehmer*innen nicht nur die liebesbotschaft sondern auch die eigentliche politische message sei
und dass geht viel einfacher mit einer musik ohne text und ohne ideologischen überbau – wie sie elektronische musik eben immer war und ist.

eine routinierte polizei lenkte den zug doch etwas anders, da aufgrund des windes herabfallende äste befürchtet wurden. oder es war doch die angst um eine spreebrücke, auf der die musik hätte ausgestellt werden sollen, damit sie nicht durch tanzbewegungen in zuviel schwingung versetzt wird. dadurch verpassten, die auf der strecke gewartet hatten die parade, wie mir u.a. ein 64jähriger auf der aftershowparty erzählte.

an der warschauer brücke verstreuten sich dann die wägen und wir pausierten erstmal bei hotdog und wasser.

die afterparty, welche kurz vorher noch in „after-charity“-party umbenannt worden war, fand in einer neuen und wunderschönen location statt dem birgit & bier, ganz im derzeit angesagten berliner holzvertäfelungs-outdoor-stil mit vielen sitzmöglickeiten und essensständen.
die veranstaltung blieb auch hier ihrer linie treu, der eintritt war umsonst und bei der ersten bestellung war ein einmaliger dj-euro fällig (für den man einen stempel auf die hand erhielt).

die djs, welche auf drei floors im stundenrythmus wechselten verzauberten den abend mit alternativem techno, house und electro und die vielen interessanten, friedlichen, zugänglichen und auch sehr unterschiedlichen besucher und machten das erlebnis für unsere gruppe und mich zu einem wundervollen und denkwürdigen erlebnis2015-07-25 18.12.16

zug der liebe vs. loveparade

in meinen gesprächen mit untschiedlichen leuten während, auf und nach der parade wurde so gut wie nie die verbindung zur duisburger katastrophe hergestellt.

ohne das leid der angehörigen der verstorbenen und bis heute traumatisierten an dieser stelle unbeachtet zu lassen der vorwurf der pietätlosigkeit gegenüber dem „zug der liebe“ ist unpassend. diese veranstaltungen haben nicht im geringsten etwas miteinander zu tun.

bei dem ganzen hick-hack um die bezeichnung und die damit verbunden assoziationen wird schnell vergessen, dass längst ein allgemeinere bezeichnung existiert: „technoparade„

ein defilé von personen zu „techno“ (wobei techno als überbegriff fungiert und elektronische musik mit all ihren subgeneres einschließt) mit unterschiedlichen finanzierungsmodellen (eigenfinanzierung, sponsoring oder spenden) und inhalten (politische demonstation oder als unpolitische präsentation der musik (wie etwa vereinsumzüge, feuerwehr, karneval etc.).

der gedanke an birnen und äpfel drängt sich auf wenn eine kommerzielle veranstaltung auf einem abgesperrten areal, bei der musik in teilen von aufgestellten trucks kam mit einer unkommerziellen und politischen demonstration welche sich im lauftempo 10km durch berlin schlängelte verglichen wird.
auch wird schnell vergessen, dass technoparaden nie pause machten! schon gar nicht in berlin – so setzte die linksorientierte „fuckparade“ ihre jährliche demonstration knapp einen monat nach der panik in duisburg am 21.08.2010 fort.
schon eine woche zuvor hatte die kommerzielle „streetparade“ in zürich, sogar mit gestiegenen teilnehmerzahlen, von über einer halben million, stattgefunden.

es ist sehr schön, dass sich das medienecho im nachgang zur parade gewandelt hat und noch vielmehr ist zu hoffen, dass es weitergeht!
weitergeht mit einer alternativen und unkommerziellen demonstration politischer inhalte zu einer verbindenden musik – ich freu mich drauf

ganz tolle fotos auch hier http://zugderliebe.org/bilder/

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