die liebe kehrt zurück teil II – zug der liebe 2015

im zweiten teil des „die liebe kehrt zurück“-blogartikel komme ich von der erinnerung an meine erste loveparade (teil I – die liebe kehrt zurück – meine loveparade 1997) zur technoparade „zug der liebe“ des vergangenen wochenendes.
da ich durch den besuch der loveparade 1997 meine erweckungserlebnis in sachen elektronischer musik hatte und seither gern an vielen verschiedenen paraden teilgenommen habe. so war es geradezu meine pflicht mir vor ort und mittenheraus eine meinung zu machen.

auf nach berlin!2015-07-25 15.44.14

am 25.07.2015 ging nun der langerwartete „zug der liebe“ durch die straßen berlins. ähnlich wie in der presse habe auch ich der einfachheit immer von einer „neuen loveparade“ gesprochen. in diesem begriff steckt alles drin, viele leute, musik, sommer, friedliches zusammensein, berlin, sommer etc.

viele verschieden interpretationen und meinungen habe ich vor und nach der veranstaltung in der presse verfolgt. in den vergangenen wochen wurde mehrheitlich die assoziation zur „loveparade“ und die verbindung zur duisburger katastrophe gezogen
mittlerweile hat sich dies ins gegenteil verkehrt, artikel auf artikel folgt nun voll des lobes und der differenzierung. vielleicht weil es so gut geklappt hat und die besucherzahlen mit ca. 25.000 besser als die erwarteten 10.000 waren oder weil einfach das konzept der veranstalter überzeugt hat.

nach besuchen auf den loveparaden 1997-2000 sowie 2006 , dem g(eneration)-move in hamburg 1999 sowie der cityparade in belgien im jahr 2001, bin ich seit 2010 regelmäßiger besucher der global space odysse, einer ebenfalls politischen und unkommerziellen technoparade in meiner neuen heimat leipzig.

so war es für mich klar frühzeitig das wochenende freizuhalten. noch mehr freute ich mich, als sich nicht nur ein freund aus alten tagen anschloss, sondern auch freunde aus frankreich für dass wochenende anreisten um mich zu begleiten. ebenfalls ergab es sich dass eine alte reisegefährtin aus korea im juli in berlin weilt und sich ebenfalls von meinen schilderungen begeistern ließ.

diese mischung verschiedenen rezeptionen war unbezahlbar. für yoon aus korea war es komplett neu, nicht nur diese art der veranstaltung als auch der politische ansatz und die musik. damian und camille brachten die erfahrung von der technoparade in paris mit und enrico und ich konnten die vergleiche zu den paraden aus den 90ziger ziehen.

die parade war in teilen so wie ich es mir damals immer gewünscht hätte: überschaubarer, konzentrierter, unkommerzieller und irgendwie auch mit der besserer musik.

anstatt gleich zu beginn jemanden zu verlieren gelang es uns tatsächlich dort leute zu treffen und dem abschluß der auftaktveranstaltung beizuwohnen. bis dahin hatte es keine musik gegeben. nach einer kurzen pause setzte das wummern ein und jeder der etwas mit dem satz „glück ist wenn der bass einsetzt!“ anfangen kann – wird nachvollziehen können wie sich gänsehaut über meinen gesamten körper ausbreitete.

was sich als etwas gewöhnungsbedürftig herausstelle, mir schon von den paraden in leipzig bekannt war: pause machen hieß automatisch den anschluss verlieren. der zug bewegte sich meistens ohne pause im schrittempo über die fast 10km lange strecke, pinkelpause oder getränkenachschub bedeutete sich erst wieder einen oder mehrere wägen später einreihen zu können. an der parade vorbeilaufen um wieder zu einem der vorderen wägen aufzuschließen wäre mit rennen verbunden gewesen, ebenso muss bei diesem tempo der tanzstil angepasst werden
ich hätte mir gewünscht wenn die viel buntere und ausgeflipptere kleidung der hedonistischen neunziger wieder etwas mehr aufgeblüht wäre, aber da ich nicht selbst mit gutem beispiel vorangeschritten bin, habe ich auch kein recht es zu bemängeln.

1997 und 1998 war ich auf der loveparade gar nicht erst zu siegesäule gelangt so voll war es gewesen. durch die bewegung und die überschaubare größe war es diesemal sehr schön möglich wirklich die komplette parade zu erleben und auch mal einem anderen wagen zu folgen. wirklich mitgelaufen zu sein kann ich mich nur an wenige mal erinnern, meistens steckte ich zwischen den maßen fest oder irrte hin- und her weil wieder jemand (oder ich selbst) flüssigkeiten lassen oder nachfüllen wollte.
trillerpfeifen habe ich keine gehört was aber vielleicht nicht nur mich gefreut hat.

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politischen inhalte, die mittels der wägen verbreitet wurden, griffen die derzeitig angesagten themen auf: nopegida, refugees are welcome, stadtentwicklung (grünflächen), gegen frendenfeindlichkeit (die techno-türken gegen diskrimminierung), ein wagen für straßensozialarbeit habe ich gesehen und gegen homophopie.
auch cluborientierte wagen war dabei u.a. der von birgit&bier welcher auch die offizielle afterparty ausrichtete.
(für eine genaue auflistung und erklärung der wagenmacher empfehlich ich die seite des veranstalters)

von den veranstaltern war aufgerufen worden sich mit winkelementen und schilder zu beteiligen, ein zu meinem großen bedauern wieder etwas abflachender trend in der elektronischen szene. auch der veranstalter zeigte sich enttäuscht über die geringe anzahl der transparente mit politischen inhalten.

es gab unter anderem:
„wer frei vögeln kann, kann auch frei denken“
„make love not ttip“
„liebe kann die welt heilen
„lieber eine faust im arsch als im gesicht“ (teil des wagens gegen homophobie)
„ick liebe dir“
„baut dildos anstatt raketen“
auch der klassiker: „the only god is a soundsystem“ war vertreten.

res severa verum gaudium

res severa verum gaudium

ich selbst beteiligte mich mit dem schild:
„wahre freude ist eine ernste sache“ eine anspielung auf die ambivalenz zwischen politischer mission und gleichzeitigem spaß haben zu dürfen.
mit stolz kann ich behaupten, dass es sehr gut ankam. ich konnte richtig in den gesichtern die abfolge – wahrnehmen, bewußt lesen und nachdenken in den gesichtern erkennen – manchmal auch das abschalten vor dem letzten schritt.
sehr oft wurde der oder dienjenige in unserer gruppe, der dass schild trug angesprochen, lob bekundet oder und um englische übersetzung gebeten.
wo möglich erklärte ich noch die herkunft des spruches: eine dt. übersetzung eines satzes „res severa verum gaudium“, und dem motto des leipziger philharmonischen orchesters und inschrift der orgel in dessen konzertsaal dem gewandhaus zu leipzig.

dass wetter blieb, entgegen der vorhersagen trocken und der wind kühlte die heißen köpfe.
nach etwas an die fünf stunden paradierendes tanzen zu house, techno, psytrance und andere elektronischer musik hatte sich alles eingestellt was zu erhoffen gewesen war – eine unglaublich schöne parade mit freundlichen menschen mit denen ich mich austauschte und verbunden fühlte:

wie gefällt es dir? – warst du früher auf der loveparade? – was denkst du wieviele heute da sind? – ist das nicht eine andere route? – meinst du es findet nocheinmal statt? – wo ist die beste afterhour? – tun dir deine füße auch weh?

in einem radiointerview fragte mich, während des zuges, ein journalist der agentur dpa, wie sich jetzt die liebe durch die parade verändern würde, worauf ich antwortete, dass gerade dieses friedliche miteinander unter den paradeteilnehmer*innen nicht nur die liebesbotschaft sondern auch die eigentliche politische message sei
und dass geht viel einfacher mit einer musik ohne text und ohne ideologischen überbau – wie sie elektronische musik eben immer war und ist.

eine routinierte polizei lenkte den zug doch etwas anders, da aufgrund des windes herabfallende äste befürchtet wurden. oder es war doch die angst um eine spreebrücke, auf der die musik hätte ausgestellt werden sollen, damit sie nicht durch tanzbewegungen in zuviel schwingung versetzt wird. dadurch verpassten, die auf der strecke gewartet hatten die parade, wie mir u.a. ein 64jähriger auf der aftershowparty erzählte.

an der warschauer brücke verstreuten sich dann die wägen und wir pausierten erstmal bei hotdog und wasser.

die afterparty, welche kurz vorher noch in „after-charity“-party umbenannt worden war, fand in einer neuen und wunderschönen location statt dem birgit & bier, ganz im derzeit angesagten berliner holzvertäfelungs-outdoor-stil mit vielen sitzmöglickeiten und essensständen.
die veranstaltung blieb auch hier ihrer linie treu, der eintritt war umsonst und bei der ersten bestellung war ein einmaliger dj-euro fällig (für den man einen stempel auf die hand erhielt).

die djs, welche auf drei floors im stundenrythmus wechselten verzauberten den abend mit alternativem techno, house und electro und die vielen interessanten, friedlichen, zugänglichen und auch sehr unterschiedlichen besucher und machten das erlebnis für unsere gruppe und mich zu einem wundervollen und denkwürdigen erlebnis2015-07-25 18.12.16

zug der liebe vs. loveparade

in meinen gesprächen mit untschiedlichen leuten während, auf und nach der parade wurde so gut wie nie die verbindung zur duisburger katastrophe hergestellt.

ohne das leid der angehörigen der verstorbenen und bis heute traumatisierten an dieser stelle unbeachtet zu lassen der vorwurf der pietätlosigkeit gegenüber dem „zug der liebe“ ist unpassend. diese veranstaltungen haben nicht im geringsten etwas miteinander zu tun.

bei dem ganzen hick-hack um die bezeichnung und die damit verbunden assoziationen wird schnell vergessen, dass längst ein allgemeinere bezeichnung existiert: „technoparade„

ein defilé von personen zu „techno“ (wobei techno als überbegriff fungiert und elektronische musik mit all ihren subgeneres einschließt) mit unterschiedlichen finanzierungsmodellen (eigenfinanzierung, sponsoring oder spenden) und inhalten (politische demonstation oder als unpolitische präsentation der musik (wie etwa vereinsumzüge, feuerwehr, karneval etc.).

der gedanke an birnen und äpfel drängt sich auf wenn eine kommerzielle veranstaltung auf einem abgesperrten areal, bei der musik in teilen von aufgestellten trucks kam mit einer unkommerziellen und politischen demonstration welche sich im lauftempo 10km durch berlin schlängelte verglichen wird.
auch wird schnell vergessen, dass technoparaden nie pause machten! schon gar nicht in berlin – so setzte die linksorientierte „fuckparade“ ihre jährliche demonstration knapp einen monat nach der panik in duisburg am 21.08.2010 fort.
schon eine woche zuvor hatte die kommerzielle „streetparade“ in zürich, sogar mit gestiegenen teilnehmerzahlen, von über einer halben million, stattgefunden.

es ist sehr schön, dass sich das medienecho im nachgang zur parade gewandelt hat und noch vielmehr ist zu hoffen, dass es weitergeht!
weitergeht mit einer alternativen und unkommerziellen demonstration politischer inhalte zu einer verbindenden musik – ich freu mich drauf

ganz tolle fotos auch hier http://zugderliebe.org/bilder/

die liebe kehrt zurück teil I – musikalischer erinnerungsfetzen 13 – loveparade 1997

in diesem blogartikel-zweiteiler schlage ich die brücke zwischen der technoparade „zug der liebe“ des vergangenen wochenendes und meiner ersten loveparade vor 18 jahren, welche ich damals als frühe journalistischen gehversuche in einer betriebszeitung veröffentlich habe.

als ich diesen artikel für diesen blogeintrag herausgesucht und eingescannt habe, war ich sehr stolz wie gut mir damals dieser artikel aus meiner schreiberischen jugend doch schon gelungen ist. er ist natürlich sehr naiv aber dass war ich damals auch!

einige sachen habe ich damals weggelassen und natürlich auch nicht in dem maße reflektiert wie ich es heute in der lage bin.

wie leser*innen meiner bisherigen musikalischen erinnerungsfetzen bereits wissen, war meine liebe zur elektronischen musik nicht angeboren und gerade diese loveparade 1997 ein musikalisches erweckungserlebnis darstellt und macht diesen 100. blogeintrag umso mehr zu einer besonderheit.

zwei dinge haben an diesem scheideweg erheblichen anteil und dass ist ein raver in blauer fellhose und die fernsehserie „marienhof“1997-07 Loveparade0010
obwohl ich schon seit meiner kindheit synthesizer pop (alan parson project oder jean michel jarre) gehört habe und auch anfang der neunzige jahre maxi-cd-singles von dune oder u96 gekauft hatte) war mein verhältnis zur elektronische tanzmusik eher in abgrenzung begriffen – nicht nur dass ich sie nicht hörte ich lehnte sie vehement ab!

identitätsstiftender musikgeschmack war für mich damals vornehmlich gitarrenmusik: vor allem crossover, alternativ, independent und punk. der bunte und im mainstream wahrnehmbare kommerzielle stampf waren eher abschreckend und dass ich nur einen in meinem freundeskreis hatte der „solche“ musik auch hörte half da auch nicht. gerade dieser freund stand keine drei wochen vor der loveparade an einem sonntagabend im juni 1997 vor meiner tür.
er hielt mich vom tatort ab und stellte mir einen bekannten vor, den er auch erst kürzlich kennengelernt: silberne haare, blaue fellhose und ein glitzerkreuz so stand er vor mir, er hätte interesse mein auto zu kaufen.
wir sprachen eine halbe stunde über das auto, machten eine spritztour und sprachen im anschluss den restlichen abend über unsere musik und unsere „szenen“.
die zwei waren dabei einen mercedes sprinter zu mieten um auf die loveparade zu fahren und ich solle mir das ganz doch mal anschauen um das gefühl dass diese musik auslösen würde kennenzulernen (wir sind auch heute noch innige freunde).

so startete ich mit 9 anderen techno-enthusiasten in ein wochenende in berlin, dass mein leben verändern sollte!

(hier klicken um orginal-artikel als pdf zu öffnen)

was ich in diesem artikel nicht so deutlich schilderte war das eigentliche erweckungserlebnis, den so herr der lage, wie ich mich damals darstellen wollte war ich nämlich nicht.
nach dem start zum ernst-reuter-platz um 14h hatte ich in minuten alle verloren die ich kannte handy hatte damals keiner von uns und treffpunkt war in sechs stunden am bus.
da war ich nun, wenig schlaf, brütende hitze, seltsame musik und ich fühlte mich in meinen cargo-pants und dem einfarbigen t-shirt irgendwie fehl am platz und fragte was ich jetzt eigentlich hier sollte.

(zum vergrößern der bilder anklicken)

ich holte mir erstmal eine bratwurst und ein bier und setzte mich in den schatten aber nicht soweit abseits dass ich nichts mehr mitbekam, weil irgendwie war das schon alles geil so, der sommer, diese einladende freude der leute um mich herum, keiner schien sich an mir oder meiner kleidung zu stören und dieses anhaltende herzschlagmäßige wummern geht ja schon ein bisschen ins blut und in der ecke sitzen und schmollen weil sich keiner um mich kümmert, habe ich als einzelkind früh aberzogen bekommen. außerdem bei musik nur rumstehen und zu versuchen durch in-sich-gekehrtheit coolness auszustrahlen, war noch nie meins. in diesem moment wummerte der promo-wagen der ard-daily-soap „marienhof“ vorbei, von dem ich wußte, dass dort auch die schauspieler*innen mitfuhren – also nichts wie hin und hinterher und der rest ist geschichte!

wäre ich an der siegessäule bis in die nacht geblieben, ich denke mein karriere als raver wäre etwas zügiger vonstatten gegangen. auf der offizielle aftershowparty („lovesinsel galaktika“) bestätigte sich dass stumpfe und eintönige bild dass ich zuvor gepflegt hatte. musikalisch hätte ich heute ein anderes ohr dafür aber diese lieblosen, halbleeren betonhallen ohne chilloutarea würde mir auch heute wenig zusagen.

loveparade aftershow - ticket

jedoch, etwas hatte sich verändert – ich hatte etwas kennengelernt was ich nicht vermutet hätte die bereitschaft und möglichkeit nicht nur beim lieblingslied zu tanzen und ein „we-are-as-one“ gefühl, welches ich bei analoger musik immer gesucht hatte und viel zu selten erlebt hatte.

wie ich dann über drum´n bass doch noch zu den anderen genres der elektronischen musik kam soll aber in einem anderen musikalischen erinnerungsfetzen erzählt werden…

und morgen geht es weiter mit der II.teil zu, “zug der liebe”

schwäbisches “grundgesetz”

das schwäbische fundstück der woche ist das schwäbische grundgesetz:

meine übersetzung:

§1 kehrwoche ist immer (also die ganze woche)

§2 wir können alles außer hochdeutsch (gelungenster  bundeslandeswerbespruch)

§3 das leben ist kein zuckerschlecken (hier und anderswo)

§4 wenn wir geben – geben wir gern und reichlich  – aber wir geben nichts
(= wem wir etwas geben überlegen wir uns genau)

§5 spätzle, porsche, benz – wir schwaben haben es erfunden

§6 arbeiten, arbeiten – haus bauen (oder zumindest in einen bausparvertrag einzahlen)

§7 das haus verliert keine dinge
(meistens findet verlorengeglaubtes sich wieder, da frau/mann es nur verlegt hat – eine neuanschaffung ist daher nicht notwendig)

§8 eine nahrhafte suppe hat noch nie einem menschen mit erhöhtem bildungsnachholbedarf geschadet

§9 wir kaufen nichts, wir schauen uns (erstmal gründlich) um

§10 wenn ich nichts schlechtes dazu sage, muss dass als lob reichen

der alte mann und die marathondistanz

als ich heute nachmittag an der haltestelle auf meine straßenbahn wartete hatte ich erschöpft meine rucksack und meine umhängetasche von mir geworfen und neben mir auf der wartebank aufgereiht.
aus dem augenwinkel sah ich einen älteren mann, schätzungsweise anfang 70 mit einer krücke auf mich  zuhumpeln. pflichtschuldig rückte ich auf der bank zur seite und schob meine taschen neben mir in die ecke. er grinste mich an und winkte abwehrend mit seiner faltigen hand. er würde sich nie hinsetzen die bank sei ihm zu kalt, rief er mir zu. dies bestätigte ich ihm gerne und erzählte dass ich auf diesen “metallsieben”, denn die leipziger wartebänke, bestehen aus einem weitmaschigen drahtgestell, ebenfalls nicht gern sitzen würde, mir seien sie im winter so kalt dass ich extra ein faltbares campingsitzkissen im rucksack habe.

darauf plauderte er weiter, dass er schon immer gerne gelaufen sei und früher in der DDR auch an wettkämpfen und marathonläufen beteiligt gewesen sei.
gleich ermunterte ich ihn weiterzusprechen und erzählte ihm dass ich erst neulich am leipziger nachtlauf teilgenommen hätte es aber noch nie die marathondistanz bewältigt.
ich bemerkte wie es in freute in mir jemanden gefunden zu haben der ihn verstand und so verriet er mir noch seine taktik. ich müsse immer auf meine temperatur achten und zeigte dabei auf meine nakten oberarme. er habe sich immer einen gesucht, der etwas schneller als seine geschwindigkeit gelaufen sei und habe sich dann an diesen gehängt. kurz vor dem ziel hätte er dann immer „stoff“ gegeben und sei losgesprintet.

als die bahn kam dachte ich schon wir würden noch einige stationen haben und ich hätte die möglichkeit noch einiges über die läufe in der ddr zu erfahren, aber er griff nach meiner hand und wünschte mir mit einem kräftigen händedruck für meinen nächsten lauf alles gute.

als ich einstieg dachte, war ich gar nicht mehr genervt, weil die bahn mit einer verspätung, was unser gespräch erst ermöglicht hatte. gerade dachte ich noch bei mir was für eine schöne begegnung dies gewesen sei und was für ein angenehmer mensch der alte marathonie doch sei.
in diesem moment sah ich ihn wie er sich über den mülleimer der haltestelle beugte. für einen moment hoffte ich habe nur etwas hineingeworfen was er selbst gerne noch behalten hätte, aber er wakelte auf seiner krücke zum mülleimer auf der anderen haltestellenseite und kramte auch darin.
er sah irgendwie nicht nach dem  typischen pfandsammler aus, der mit großer tasche und wägelchen auf die jagd geht. als ich ihm nun so nachsah, tat er mir plötzlich sehr leid und ich fragte mich wieviele kilometer er nun jeden tag auf der suche nach etwas ess- oder verwertbarem durch die stadt läuft, wettkampfdistanz bestimmt…

gesinnungsnachweis bei pegida oder warum pegida wilders pullermann mag!

wie kann man eigentlich seine gesinnung bei einer pegida-demo nachweisen um von den polizist*Innen in den abgesperrten bereich zu gelangen? dies erfuhr bei der gestrigen pegida demo in dresden.
die pegida demos haben schon längstens ihren zenit überstritten und dümpelt mit einem kleinen prozentsatz dessen, was sie zu besten zeiten erreichten dahin. ihrer braunen fratze versuchen sie gerade ein bürgerliches antlitz durch eine oberbürgermeisterkandiatur einer ehemaligen hamburger afd-politikerin zu geben. außerdem sollte am gestrigen montag der islamophobe rechtspopulist aus holland geert wilders (vergeblich) für auftrieb sorgen.
orginal-zitat wilders: “unsere eigene kultur ist ja die beste kultur und einwanderer müssen unsere werte annehmen” (http://www.mdr.de/sachsen/pegida-wilders100_zc-f1f179a7_zs-9f2fcd56.html)

dafür versteckten sich die pegidisten in einer flutrinne an der elbe um durch einen rechtlichen winkelzug eine art hausrecht zu kreieren um keine gegendemonstation in hör- und sichtweite, so wie in leipzig, zu ermöglichen. trotzdem riegelte die polizei die veranstaltung weiträumig ab.

wie gelangt man jetzt durch diese absperrung um ebenfalls noch zu dem pegida-häufchen zu stoßen? auf dem weg zu einer der gegendemonstrationen wurde ich zeuge eines solchen “gesinnungsnachweises”. ein friedlich aussehender älterer man (alter schien hier nicht als nachweis zu reichen) diskutierte mit einem der behelmten polizisten aus der absperrung und versuchte durchgelassen zu werden. gerade als ich hinter dem mann vorbeiging, zog er eine zeitschrift mit der aufschrift “studentisches korps” aus seinem jute-rucksack. nach einem weiteren wortwechsel wurde er durchgelassen.
schon schwierig hier türsteher*In zu spielen und hier die “falschen” von den “richtigen” zu unterscheiden. das machte sich auch die spaß-guerillia “die partei” zunutze und trat auf der kundgebung mit einem plakat mit der aufschrift “pegida houdt van je pielenmuis” (pegida liebt deinen pullermann” auf. (http://die-partei.net/dresden/)

aufgenommen friedrichstraße, dresden nopegida-demo

2014-04-13 friedrichstraße, dresden nopegida-demo

ich hatte ebenfalls gelegenheit die jungs zu treffen, als sie sich etwas später auf der gegendemo einfanden – humor ist meistens die beste waffe gegen wirrköpfe!

mit hellmuth karasek auf der synagogentoilette

im rahmen der buchmesse fand gestern in der leipziger synagoge eine lesung von josef joffe der sein sachbuch über jüdischen humor “mach dich nicht so klein, du bist nicht so groß – der jüdische humor als weisheit, witz und waffe” vorstellten sollte. begleitet wurde er von weggefährten und witze-sparringspartner hellmuth karasek.
ohne große einleitung oder den versuch das buch zu bewerben begannen die zwei 70min lang vor einer überfüllten synagoge, einen witz nach dem anderen zu erzählen, strapazierten die lachmuskeln mit allerhand jüdischen, christlichen und ökomenischen witzen und ließen sich nur mit nachdruck von der bühne verscheuchen.

2015-03-14 20.16.50 (1024x573)als ich danach meine blase auf dem wc erleichtere, gesellte sich hellmuth karasek zwei urinale weiter hinzu. eine toilettentüre öffnete sich und ein mann ließ im hinausgehen die bemerkung fallen:
“wenn man sie öfter sieht kennt man dann aber auch ihre witze!”
hellmuth karasek und ich schauten uns beiden fragend an ob wir dass nun wohl richtig gehört hätten.
in den moment des nachdenkens hinein sagte ich: “dass war jetzt aber kein kompliment!”

während des auftritts hatte karasek den witz über die jüdischen rabbiner zum besten gegeben, welche sich seit jahren auf der selben bahnfahrt die immergleichen witze erzählen und sie aus diesem grund durchnummeriert hatten um nur noch die nummern einzuwerfen.
eines tages sitzt ein nun ein fremder mann mit in diesem zugabteil und hört wie sich die rabbis auf diese seltsamer weise zum lachen bringen.
“42”, sagt der eine – die granze truppe lacht.
ein anderer erwidert: “5!”.
“der ist gut” lacht ein anderer setzt hinzu: “63!”.
das geht eine weile, bis der neu eingestiegene den mut findet, auch mitzumischen. “23!” ruft er bei der nächsten pause in die runde.
totenstille. niemand lacht.
da fragt der junge mann irritiert: “was ist? warum war diese zahl nicht witzig?”, worauf ein älterer rabbi im gutmütig erklärt: “witzig schon, aber man muss wissen, ihn zu erzählen.”

und genau darauf bezog sich hellmuth karasek nun und überlegte schmunzeln laut, ob er nicht vielleicht auch in zukunft bei seinen auftritten nur noch die nummern ins publikum rufen sollte.

mittlerweile beim gemeinsamen händewaschen, entgegnete ich dass es wohl immer leute gibt die etwas zu meckern hätten, worauf er mir mit einer frage antwortete.
ob ich den wisse was der unterschied sei, wenn man einem bauer, einem beamten, einem offizier und einem juden einen witz erzählen würde, was ich schon halb lachend verneinte

ein bauer würde dreimal lachen, erklärte er. das erste mal wenn man ihm den witz erzählen würde, das zweite mal, wenn man ihn ihm erklärt und das dritte mal wenn er den witz versteht.
ein beamter lacht – zweimal, wenn man ihm den witz erzählt und das zweite mal wenn man ihm ihn erklärt, verstehen wird es ihn ohnedies nie.
ein offizier lacht nur einmal: wenn man ihm den witz erzählt, den erklären läßt er sich den ihn nicht und verstehen wird es ihn auf keinen fall.
wenn man jedoch einem juden einen witz erzählt, so wird er dich unterbrechen: “ach was der alte witz!”, und erzählt ihn dir besser!

zu einem selfie wollte ich ihn nicht überreden wie ich es den künstler flix bei dessen lesung im rahmen der buchmesse vor zwei jahren gemacht hatte (hier klicken für die ganze geschichte).
wir verabschiedeten uns und ich bedankte mich für den schönen abend.

ein neues leben

solche ersten arbeitstage nach einer längeren urlaubspause sind immer etwas besonders. dass empfinde ich umso intensiver wenn es sich um den start nach einem jahreswechsel handelt.

seit dem ersten tag dieses wiederkehrenden auftrags bei einem bildungsträger in borna bei leipzig ist mir dieser kindergarten aufgefallen. ein grauer bau mit einer breiten treppe welche zu einer flügeltüre führt. über dem eingang steht mit erhabenen versalien “neues leben”. um diese gewichtigen worte turnten kleine bunte spielfiguren.

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während ich heute an diesem “ersten” arbeitstag auf das gebäude zulief beobachtete ich wie ein auto hielt und zwei elternteile einem kleinen mädchen beim aussteigen halfen. das kleine mädchen hielt ihren kleinen stoffbären ganz fest und schien nur widerwillig aussteigen zu wollen.

sie sagte dabei etwas zu ihrem vater, was diesen wohl entgenen seines planes am auto zu warten dazu bewegte das kind und die mutter ebenfalls zu begleiten. während ich an ihnen vorüberging hatten sie auf das mädchen links und rechts an der hand gefaßt und halfen ihr stufe für stufe den eingang zum “neuen leben” hinaufzusteigen.

wie oft sich dass noch in ihrem leben wiederholen würde?
ein neuer tag, ein neues jahr – ein neues leben?

kein jahresrückblick – früher war mehr silvester

nein wirklich! in diesem blogartikel wird es keinen jahresrückblick geben. vielmehr möchte ich der frage nachgehen, was es mit den begriffen “silvester” und “guten rutsch” eigentlich auf sich hat und wie ein ereignis in israel 2009 dazugeführt hat, meine sichtweiße auf den jahreswechsel zu ändern.

“silvester” oder “jahresendtag”?

20120101022104dieser komische begriff “silvester”, was bedeutet der eigentlich?
zum erstenmalwirklich darüber nachgedacht habe ich, 1997 zum jahreswechsel auf dem stuttgarter schloßplatz. damals treffpunkt aller taize-pilger (weltweites christlich-ökomenisches -treffen) die nicht in einer kirche unerschlupf gefunden hatten, als ich in meinem damals mageren aber enthusiastischen englisch erfragen wollte, was es denn für andere bräuche an an silvester gebe. zur hilfe kam mir da ein italiener der dann auch von “san silvestro” anfing. jedoch auf englisch schien das keinen sinn zu machen, da die gruppe engländer eher dachten wir sprächen von einer person mit diesem vornamen.
tatsächlich kommt der begriff silvester von einer person, welche am todestag 31. Dezember 335 begeht: papst silvester I.
ihm wurde lange fäschlicherweiße nachgesagt vom römischen kaiser konstantin das recht geschenkt bekommen zu haben, den noch heute als vatikan bekannten, katholischen-rumpfstaat zu errichten. dennoch konnte er sich ein andenken in der sprache einiger länder als bezeichnung des letzten tag des jahres bewahren ), jedoch ist das wissen darum weitesgehend unbekannt. neben deutschland spricht man noch in italien, frankreich, polen und tschechien von silvester. auch das wort in der kunstsprache esperanto lautet “silvestro”.

“hineinrutschen”

das christliche neujahr wird am ersten advent begangen, während das jüdische neujahr am 1. und 2. des jüdischen montas tischrei (was meistens in den september unseren kalenders fällt) mit dem rosch ha-schana begangen wird.
innerliche genugtung verschafft mir wenn ich mir vorstelle, dass antisemiten (wovon es dieses jahr leider einige zuviel gegeben hat) einen “guten rutsch” wünschen.
wie unglaublich viele begriffe in der der deutschen sprache ist auch diese auspruch “vom guten hineinrutschen” auf einen jüdischen einfluß in der der deutschen sprache zurückzuführen und vom jüdischen neujahrsfest rosch ha-schana abgeleitet worden.
als kind habe ich mir das immer damit erklärt, dass man sich beim ausutschen auf der eisglätte nichts brechen sollte.
ist das gemeinsame jahreswechselfeiern nicht einmal mehr der ausdruck einer globalen gesinnung? religiöse jahreswechsel finden zu einem anderen tag statt, warum da nicht an einem völlig anderen tag noch etwas gemeinsam machen und sich zusammen freuen?

“neujahr an einem septembertag in jerusalem”

eine besonderes erlebniss verbinde ich mit dem jüdischen neujahr im jahre 2009 und ist mir in abgewandelter form ein eigener brauch geworden.
so war ich zu diesem zeitpunkt gerade auf meiner israelreise in jerusalem (meinen reiseblog findet sich unter https://riegeros.wordpress.com/israel-traveling-blog/).
wer schoneinmal das glück gehabt hat diese stadt zu besuchen, der wird sich erinnern, dass es in den verwirrenden gassen, einige möglichkeiten gibt einen wunderbaren blick auf die klagemauer zu erhalten. auf einen dieser plätze gelangte ich an diesem lauen septemberabend. in einem kreis saßen dort vielleicht 15 jugendliche auf dem boden und sangen ein hebräisches lied. ich schlich mich an ihnen vorbei zum balkonartigen vorsprung und blickte in das in mattgelben licht getauchte spektakel vor der klagemauer. dass lied das die kids sangen verband sich auf eine wundervolle weiße mit ihrem angehmen dunklen kehligen klang mit der atmosphäre der uralten mauern dieser stadt, welche den titel ewige stadt vielleicht noch mehr verdient hätte als rom.
nach dem lied sprachen sie in einem nicht zu verkennenden kanadisch eingefärbten u.s.-amerikanisch weiter. sie waren teilnehmer einer religionsschule, welche sie sich in in jerusalem an jeder ecke zu hunderten tummeln.
nicht dass ich dass gefühl gehabt hätte zu stören, aber ich dachte mir es wäre unangebracht länger als notwendig dort zu bleiben. jedoch als ich gerade um die ecke verschwinden wollte, lief einer der jungs mir nach und rief mir auf englisch zu ob ich mich nicht zu ihnen setzen wollte. mein höflicher protest, doch keine umstände machen zu wollen fiel sehr kurz aus, denn natürlich brannte ich darauf teil dieser gruppe zu werden.
nach dem austausch von namen, herkunft und anderer formalitäten begann ein etwa zwanzigjähriger über das rosch ha-schana zu sprechen. es ging darum sich das neue jahr als ein geschenk gottes bewußt zu werden und sich zu überlegen was jeder einzelne mit diesem jahr anzufangen gedenkt um dieses geschenk zu ehren. ich glaube gegen ende dieser etwa fünfzehnminütigen unterweissung, war ich der einzige der aufmerksam zuhörte.

in einer um die religösen aufladung abgespeckten version versuche ich dies seither ebenfalls – da mich die idee sehr beeindruckt hat.
im trubel um weihnachten und der stressigen suche nach einem geeingeten silvesterevent und einer (ebenfalls wichtigen) rückschau auf das vergangene jahr, vergesse ich häufig auf das neue jahr zu blicken.
so versuche ich mich nicht unbedingt nur an die kommenden eckdaten zu denken und darum die termine zu organisieren – sondern mich mit meinen hoffnungen und wünschen an das neue jahr zu wenden – denn nur dann kann ich diese auch einfordern oder umsetzen.

in diesem sinne ein guten rutsch und dass allerbeste für das auf jedenfall außergewöhnlich werdende neue jahr 2015!

küssen geht auch romantisch

s-bahn fahrt zwischen borna und leipzig. drei mädchen ca. 12-14 steigen ein und setzen sich auf einen vierer-platz im gang gegenüber.rätselbild mädchen_ganz (2)

“also wenn er mich jetzt hätte küssen wollen, da hätte ich ihn weggeschubst”
gespanntes warten, der anderen
“weil ich da den mund voll hatte”
lachen
“aber eigentlich hätte ich ihn küssen wollen”
ungläubiges bis angewidertes gesichtverziehen
“und wenn er dann noch dagewesen wäre, dann hätte ich ihn so runter genommen”
(deutet schwitzkasten an)
“und dann hätte ich ihn so und so geküsst”
(beugt sich runter, deutet mit gespitzen lippen küssen an)
großes geschrei

sind sie nicht romantisch, die kleinen?